28
Nov
2008
25
Nov
2008
Beflügelung

Der Abreißkalender ist eine Konstante in meinem von Konstanten zugemauerten Leben. Und er hängt wie ein stummer Vorwurf an meiner Küchenwand. So als würde ich Tag für Tag mit den Zettelchen auch meine Wünsche und Visionen entfernen. Aber ich kann nicht sagen, dass ich jemals freudlos die Blättchen abgerissen hätte. Es sind 365 winzig kleine Überraschungen, strukturiert durch die Rubriken 'Gedenktag der Woche', 'Küchengeschichten', 'Sachen zum Lachen', 'Für den Gartenfreund' und meiner absoluten Lieblingsrubrik 'Wörter unter der Lupe'.
In der großmütterlichen Küche gab es auch einen Abreißkalender und so ist es heute, als hätte ich mit der Fortführung dieser Tradition etwas hinübergerettet vom Utopos meiner Kindheit in die taube Erwachsenenwirklichkeit.
Und dann gibt es manchmal Verse, die mich die "Trostmacht des Gedichtes" (Hans Blumenberg) spüren lassen:
Beflügelung
Wer traurig ist, des Glückes fern,
verzagt und ohne Mut,
der musizier', schreib ein Gedicht
und schon wird alles gut.
Oskar Stock
21
Nov
2008
Happy Birthday!
[Abt. 'Für die Karte war es heute ja mal wieder zu spät']
Lieber Rudi,
zu Deinem halbrunden Geburtstag habe ich weder Kosten noch Mühen gescheut.
Bleib gesund und fröhlich,
alles Liebe,
Anousch
20
Nov
2008
Haut an Haut
Und irgendwie scheint es (zum Glück) nicht die Zeit für komplizierte Theorien zum Geschlechterkampf.
Es wird Winter.
Wir wollen uns halten und nah sein.
18
Nov
2008
Zugfenster
die Bitumenstraße nach Demitz-Thumitz hinunter.
Frau, radelt umgekehrt dieselbe hinauf.
Elke Erb
Ich hatte schon geglaubt, dieser Tag hielte so gar nichts Erheiterndes für mich parat, da stieß ich kurz vor 22 Uhr auf dieses kleine Gedicht der großartigen Elke Erb. Ich habe sie und eine Horde anderer deutscher Dichter mal nach Sylt begleitet; im April 2005, woran mich die Widmung im Gedichtband 'Gänsesommer' nun wieder erinnerte. Schön.
17
Nov
2008
Licht und Laub dieses Tages (II)
...
15
Nov
2008
Trost
12
Nov
2008
Weiblich, ledig, jung sucht...
Edward Hopper 'Empty Room'
Bleiberecht in einer Wohngemeinschaft.Lange Zeit war das WG-Leben in den Top Ten der Dinge, von denen ich glaubte, sie nie (wieder) zu tun, ziemlich weit oben gelistet. Ich habe bislang nur einmal eine kurze Zeit in einer WG gewohnt. Es war 2000/01 in Potsdam-West, Nansenstraße, nicht weit vom Park Sanssouci entfernt. Meine Mitbewohnerin hieß Conny, war nicht besonders hübsch, sehr lieb und Motörhead-Fan. Sie studierte Sozialpädagogik an der FH, aber eigentlich war sie immer nur krank und deswegen nie da, sondern Zuhause in Eberswalde.
Vor einer Weile hat mich der Chauffeur mal durch Eberswalde gefahren und wir waren erstaunt, wie ansehnlich dieser Außenposten unserer Republik ist. Nach Lektüre dieses Beitrags empfehle ich den Wikipedia-Eintrag und insbesondere den Unterpunkt 'Superlative'.
Conny hauste in dem 9 qm kleinen Verschlag, und man kann es nur Hausen nennen, denn ein schlampigeres Frauenzimmer hatte die Welt noch nicht gesehen! Ihr auffällig attraktiver Freund schien die Vermüllung insofern nicht zu stören, als er die gute Conny bald schwängerte und sie nun gänzlich fort blieb. Da sie zwar chaotisch, aber anständig war, zahlte sie die Miete weiter und somit hatte ich die Wohnung für mich allein. (Aber auch ich war damals von Donnerstag bis Dienstag beim Geheimrat in Weimar und nur Mittwochs studierte ich in Potsdam.) An meinem 25 qm großen Zimmer war ein riesiger Balkon, aber ich war jung und töricht und wusste seine gigantomanischen Ausmaße nicht zu würdigen und also entsprechend zu bepflanzen. Heute indessen widme ich nur wenigen Dinge soviel Aufmerksamkeit wie den Balkonblumen.
Also ich mag nicht mehr einsam im Tomatenkonkasse herumrühren, einsam mit dem Teller Spaghetti zum Fernseher schlurfen und einsam Tatort gucken. (Außerdem knallen sich meine Junkie-Nachbarn gerade wieder gegenseitig gegen die Wand, was sich echt furchtbar anhört und meine allerletzten Nerven kostet, ebenso mein diesbezüglicher Kampf mit Polizei und Vermieter.)
Mit anderen Worten: Ich muss hier raus! Wer kann mir helfen?
Und vielleicht überlegt jetzt manch einer hin und her: Mmm, mmmh, mmmh, süß ist sie ja, aber anderseits war sie auch schon in der Klapse. - Ja, und ich kann es nur jedem weiterempfehlen! Zur Beruhigung sei betont, dass ich ja keine Persönlichkeitsstörung habe, sondern nur ein gebrochenes Herz. (Okay, das habe ich mir jetzt gegönnt.)
Zum Ausschneiden: Ab ca. 20 qm nach Osten, Süden oder Westen, am liebsten in Kreuzberg oder Nord-Neukölln, um die 330 warm. Gerne mit Seeblick. Kontakt: anja.odra et web-de.
DANKE!
8
Nov
2008
Zueignung
Weimar 1998 - 2003. Dann kamst Du und mit Dir die Wälder.
Ginkgo biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Giebt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwey, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt?
Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin?
Johann Wolfgang von Goethe
4
Nov
2008
Allein reisen
Der Zug rattert, gleitet und neigt sich durch deutsche Geschichte: Von der ehem. preußischen Provinz Erfurt kommend sieht man bald links in Fahrtrichtung den Glockenturm auf dem Ettersberg, und rechts sogleich das dem Berg zu Füßen liegende Weimar, von dem ich bis dato nicht wusste, dass sein Wappen einen von Herzen bestreuten, züngelnden Löwen zeigt. Wenig später eröffnet sich das zauberhafte Panorama des Naturparks Saale-Unstrut-Triastal mit seinen Weinbergen und Märchenburgen - die Landschaft des Internatsschülers Friedrich Nietzsche.
Nun, je nach dem, ob man im IC oder ICE unterwegs ist, trennen sich die Schienen nach der Leopoldina-Stadt Halle oder dem urbanen Alleskönner Leipzig, wo ich am Samstag auf meinem Weg nach Berlin Halt gemacht habe. Wie melancholisch schön, durch den nachmittäglichen Herbst-Dunst im Park jenseits der Sachsenbrücke zu spazieren, Glühwein zu trinken, Enten zu füttern und mit dem Neffchen Fußball zu spielen, das ganz zum Stolz seiner Tante den Ball so geschickt am Füßchen führt, dass nur von Talent zu sprechen ist.
Gestern schweren Herzens weitergereist, weil nach Erfurt (Mama) und Weimar (kleine Schwester) nun mit Leipzig die ganze Familie auf der Strecke nach Nordosten zurückgelassen wurde und in Berlin immer Ungewissheit wartet. (Rein emotional gesehen.) Schließlich jedoch Empfang durch den Chauffeur mit Rosen aus eigener Zucht. Die letzten des Jahres. (Sind immer die Schönsten). Hauptbahnhof, obwohl Südkreuz näher liegt. Aber zur Wiederankunft wollte ich ein klein wenig Pathos: dort der Reichstag und das Kanzleramt, da die große Kunsthalle, die den abendlichen Himmel über Berlin bläulich illuminierte. Und wenn man aus dem Tunnel wieder auftaucht, dann leuchtet der Potsdamer Platz und strahlt die Philharmonie.
Der Chauffeur präsentierte dann seine neu erworbenen Muskeltrosse. Ich boxte dagegen (tatsächlich Stahl) und sagte: Dafür habe ich an innerer Stärke gewonnen.
29
Okt
2008
Lebt wohl, Kinder!
Gestern morgen 6.45 Uhr noch abschließend und nur zu "ihrer Beruhigung" Schnittbild vom Kopf. Was musste ich mir von einigen Mitpatienten vorher für Horrorgeschichten anhören, von Panik-Attacken in der Röhre, von Seelenfolter und Traumatisierung. Ich kannte zwar inzwischen meine Pappenheimer und wußte, wer gewiss übertrieb, aber selbst wenn nur die Hälfte stimmte, musste es ziemlich grausam sein, mit einem fixierten Kopf in einen engen Schacht geschoben zu werden. Allein, nur mit einer Notklingel in der Hand. Also ließ ich mir vom Stationsarzt vorsichtshalber 25 mg meines Lieblingsneuroleptikums Prothazin verschreiben. Während ich den klaustrophobischen Gefahren mit Bangen entgegensah, freute ich mich auf die Geräusche.
Dem Erfahrungsbericht des Chauffeurs zufolge erwarteten mich kosmische Sinfonien. Aber um mich herum war nichts als Techno-Stakkato. Zur weiteren Beruhigung klopfte ich den stumpfen Rythmus auf meinem Bauch mit (alles unterhalb des Halses durfte leicht bewegt werden).
Nach zehn Minuten wurde ich erlöst.
Ich blickte auf den Bildschirm des Radiologen und fragte: "Ist das mein Gehirn?" - "Nein, das ist ein Herz." - - -
Zu heute habe ich mich entlassen lassen, nach fünf Wochen. In Berlin gibt es Dinge zu tun. (Und ich lasse mich ab Mittwoch in der Charité ambulant weiter behandeln.) Ich werde viel vermissen. Der "harte Kern", der sich in jeder Gruppe bildet, hat häufig so laut und viel gelacht und rumgealbert, dass die Schwestern streng guckten und klagten "Wir sind hier doch nicht im Kindergarten". Aber natürlich sind wir das - Psychiatrie ist Regression. Das ist Teil der Heilung.
Und auf dem Abschlussdokument habe ich angekreuzt, dass es mir "viel besser geht" als zu Beginn.
Es schneit riesengroße Flocken.
27
Okt
2008
Vorhin
24
Okt
2008
Installation (On LYRICA IV)
Mein Freund, Joseph Beuys war kein Seemann nicht Vol. I (Filz, Kupferdraht, Styroporkugel, Aluminiumfolie, Herrenschokolade)
Mein Freund, Joseph Beuys war kein Seemann nicht Vol. II (Filz, Kupferdraht, Styroporkugel, Aluminiumfolie, Herrenschokolade, Kitty)
Als ich gestern Abend von einem sehr schönen Tagesurlaubsausflug aus Leipzig, wohin ich morgens mit Mama gefahren war, um dort bei Schwester, Freund und Neffchen Mamas Geburtstag zu feiern, in die Anstalt zurückkam, saßen schon alle eifrig beim Basteln. Es war, wie wenn man zu spät auf eine Party kommt und man ahnt, dass die besten Späße schon gelaufen sind. Konzentriert, häufig schweigsam saßen meine lieben, tapferen, meistens lustigen Mitpatient/innen über ihren windowcolor-Fensterbildern, Herbstdekorationen, Laternen. Ich schnippte mit Styroporkugeln, knabberte Chips und dachte daran, w i e hoch es vor einer Woche herging, als meine beiden Atembrüder noch da waren.
Als wir uns vor knapp vier Wochen kennenlernten, kreischten wir vor Glück, e n d l i c h jemand mit fast genau den gleichen seltsamen, von keinem Arzt erklärlichen Symptomen zu treffen. Seither waren wir unzertrennlich und überbaten uns fortan täglich und zum Leidwesen der Station lautstark und hektisch in Schilderungen von Atemereignissen. Denn im Gegensatz zu Depressiven haben Angstgestörte (wie wir) ein extrem hohes Mitteilungsbedürfniss und texten daher ohne Punkt und Komma - und ohne richtig auszuatmen, womit man den Salat hat: die Lungen sind voll und lassen keinen neuen Sauerstoff rein, was sich entsetzlich anfühlt und sehr oft eine Panikattake auslöst. Man nennt das 'aufgesetzte Hyperventilation'. Das weiß ich allerdings nicht von meinen Ärzten aus der Klinik, sondern aus dem Internet. Für die Ärzte hier sind Symptome ohnehin nur Äußerungen von Ängsten oder Depressionen. Daher machen die Ärzte hier eher einen auf smooth. Was gut ist, denn es ist wie beim Fliegen: Je angespannt-professioneller die Stewardessen tun, desto bänger wird einem. Also: Gelassenheit! Und ich war die erste Zeit nur wie manisch auf mein Symptom fokussiert. Doch so allmählich schleicht es sich davon. Habe jedenfalls seit fast zwei Wochen nicht mehr aufgesetzt hyperventiliert und dabei war ich sogar shoppen with my little rockin' sista. Shoppen war bis vor kurzem die Höchststrafe, nein Essen-gehen war schlimmer, wegen massiver Akathasie.
Ich dachte also an meine hochnervösen Atembrüder J. und F., mit denen ich soviel Spaß hatte wie das letzte Mal mit meinen Klassenkameraden im Landschulheim. Einmal ging ich mit den beiden Abends spazieren, wir fehlatmeten um die Wette und wurden immer wütender auf unser Symptom. Da begannen wir im Park zu brüllen und zu schreien, aber das war uns nicht genug. Wir sahen den Springbrunnen und sagten: Wenn wir jetzt in voller Montur einfach in das eiskalte Wasser sprängen, dann würden wir auf alle Zeit geheilt. Ein verlockender Deal. Andererseits sind wir ja schon abergläubisch bzw. zwangsgestört genug und wenn sich das eine erfüllte, dann ginge womöglich eine neue Neurose los. Und außerdem wollten wir keine Verbannung in die 'Geschlossene' riskieren, was für uns Klaustrophobiker auch keine Alternative darstellt. Aber so ganz wollten wir auf eine Wette mit dem Höheren, d.h. der Autosuggestion, nicht verzichten und stiegen also barfuss in das klirrend eisige Brunnenwasser. Natürlich ging es uns noch Stunden später wunderbar.
In diesen Erinnerungen schwelgend und an Schneck denkend (dem ich eine 'Herbstdepression' versprach, weshalb ich schwarze Schiffchen faltete), entdeckte ich plötzlich den Filz. Ich juchzte auf: "Au ja, ich mache eine Joseph-Beuys-Hommage." Mein Sitznachbar, von dem ich soviel Unkenntnis nicht erwartet hätte, fragte: "Wer ist Joseph Bäus?" Ich antwortete: "Mein Freund, Joseph Beuys war kein Seemann nicht."
Ab morgen wieder 'therapeutischen Wochenendurlaub'. Juhu.
19
Okt
2008
Déformation (On LYRICA III)
Anousch: "Ach, das ist nur psychisch."






