Der nieselnde Schnee schmilzt auf den lidschattenbestäubten Augen, entfärbt die getuschten Wimpern, löst das Rouge von den Wangen. Wann immer ich bei diesem Wetter in Schaufenster und Spiegel blicke, sehe ich ein blasseres, jüngeres, unauffälligeres Gesicht. Ich denke heimlich: Vielleicht werde ich jetzt ein wenig so wie alle anderen. Vielleicht macht mich das Ausbrechen aus der Isolation, die allmähliche Heilung etwas gewöhnlicher. Vielleicht bin ich nun da, wo ich nie hinwollte. Aber ganz bestimmt geht es mir besser damit.
Während ich darüber nachdenke, bekomme ich Lust den Abend mit T.C. Boyle oder A.L. Kennedy zu verbringen. Vorfreudig stapfe ich durch tiefen Schnee zu dem kleinen Buchladen in der Akazienstraße - und stehe vor gerade verschlossener Tür. Eine sekundenkurze Enttäuschung, aber andererseits brauche ich nun meinen mp3-Player nicht auszuschalten, wo mir gerade die kämpferische Alkoholikerinnenstimme von Cerys Matthews so wunderbar ins Ohr grölt. Habe ich neulich wieder vorgekramt, mein
Lieblingsalbum von 2001 und mein persönlicher 9/11-Soundtrack.
Gerade als ich die Lautstärke weiter hochregle, sehe ich ihn im Augenwinkel, sofort setzt der Fluchtreflex ein - zu spät. Er hat mich entdeckt und ich tue das einzig menschliche: Ich grüße den Ober-Psycho aus meinem Haus voller Psychos. (By the way, aus dem Umzug wird vorerst nichts.) Schwerer Paranoiker, aber nicht ohne Liebenswürdigkeit. Leider ist er zu anhänglich, sobald man sich auf ein Gespräch einlässt, kann mein seine Planung erstmal um Stunden nach hinten verschieben. Ich frage:
"Hey, wie gehts?"
"Ich bin froh, dass ich noch lebe."
"Ich auch. Was ist bei Dir der Grund?"
"Not-OP. Sie haben mir die Milz rausgenommen. Viermal haben sie mir den Bauch aufgeschnitten in den letzten Wochen, bis sie kapierten, das das Scheiß-Ding voll vereitert war."
"Oh-ha!"
"Ja, ich werde die verklagen, die haben mir einfach nicht geglaubt, dass es mir schlecht ging."
Na toll, denke ich, ich bin gerade dabei Vertrauen in die Diagnosen der Ärzte zu gewinnen! Ich höre ihm geduldig zu, als er mir die Einzelheiten der OP erzählt und seine vielen Schnitte vom Schambein bis zur Brust beschreibt. Da entdecke ich auf seinem Anorak einen Hertha-BSC-Aufnäher. Aus Mitleid wird plötzlich Rührung. Immer wenn ein Mensch auf seinem geschundenen Leib Bekenntnisse zum Fußball trägt, ergreift mich das.
Ja, mein Bruder, es gibt eine Sehnsucht, die trägt weiter als das Elend hinieden. Ich sage ihm noch - was stimmt - dass er trotzallem ziemlich gut aussieht, und dass er auf sich aufpassen soll. Dann verabschiede ich mich.
Mir fällt ein, dass der Chauffeur Karten für das Spiel Hertha gegen Leverkusen hat, und für morgen Abend welche für die Philharmonie. Leider spielt ausgerechnet morgen Bremen in
Cottbus.
Das Leben ist so hart und dann kann man nicht mal alles haben!